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Jahrespraktikum

Seit dem Schuljahr 1994/95 wird an der GHS Ringelnatzstraße in der Klasse 10A ein Jahrespraktikum durchgeführt. Das bedeutet, dass die Schüler das ganze 10. Schuljahr lang einen Tag pro Woche ein Betriebspraktikum absolvieren.
Mit dieser Form des Praktikums reagierte die Schule nicht nur auf den seit 1992 rapiden Rückgang an Ausbildungsverhältnissen, in die die Abgänger der Klasse 10A im Anschluss an die Schulzeit überwechselten, sondern auch auf die hohe Zahl von Ausbildungsabbrüchen und die geringe Zahl von erfolgreichen Ausbildungsabschlüssen.

Ziele

Ausgehend von Forderungen der Wirtschaft, dass die Schule die Beherrschung der Kulturtechniken stärker fördern muss, vermehrt Fähigkeiten in den Naturwissenschaften und Kenntnisse des Wirtschafts- und Arbeitslebens vermitteln soll und vor allem Schlüsselqualifikationen wie Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Ausdauer, etc. ausbilden sollte, wurde bei uns ein Konzept des Wirtschaftslehreunterrichts entwickelt, der nicht allein die Berufswahlkompetenz der Schüler fördern soll sondern auch deren Arbeitskompetenz.
Der berufswahlvorbereitende Unterricht findet in den Klassen 8 und 9 statt. In Klasse 10 steht die Berufsvorbereitung an erster Stelle. Dem Jahrespraktikum kommt hierbei eine zentrale Bedeutung zu. Es schafft eine beruflichen Realität, in der die Schüler die Anforderungen, die später während der Ausbildung und im Arbeitsleben an sie gestellt werden, erfahren und "begreifen". Diese Erfahrungen werden in der Schule aufgearbeitet, und die Schüler haben an den folgenden Praktikumstagen die Möglichkeit, das in der Schule Gelernte in der Praxis zu erproben und zu überprüfen. Das Jahrespraktikum bildet somit eine Schnittstelle zwischen dem Schonraum Schule und der realen Arbeitswelt.

Probleme

Das Hauptproblem bei der Durchführung des Jahrespraktikums sind Praktikumsabbrüche. In den ersten Praktikumswochen sind oftmals Praktikumsabbrüche aufgrund von Unpünktlichkeit oder sonstiger negativer Verhaltensweisen der Schüler zu verzeichnen. Diese "Entlassungen" haben im Allgemeinen den sehr positiven Effekt, dass sie Verhaltensänderungen nicht nur bei dem betreffenden Schüler, sondern in der ganzen Klasse bewirken.
Im Verlaufe eines Praktikumsjahres mehren sich jedoch auch solche Praktikumsabbrüche, die aus mangelnder Eignung resultieren. Die betreffenden Schüler müssen erneut in den Prozess der Berufswahl und der Berufswahlentscheidung einsteigen und sich beruflich umorientieren. Bei allen Praktikumsabbrüchen ist grundsätzlich wichtig, dass die Schüler das Problem selber beheben. Deshalb werden Schüler, die ihre Praktikumsstelle verlieren, zumindest im 1. Schulhalbjahr am Praktikumstag auch nicht gesondert beschult. Sie haben am Praktikumstag die Aufgabe, eine neue Praktikumsstelle zu finden.

Einbindung in den Unterricht

Die thematische Einbindung des Praktikums in den Unterricht erfolgt auf vielfältige Weise. Zunächst führen die Schüler ein Berichtsheft, so wie es auch später in der Berufsschule verlangt wird. Im weiteren Praktikumsverlauf erhalten die Schüler konkrete Beobachtungsaufgaben oder müssen Mitarbeiterbefragungen durchführen. In Kreisgesprächen werden Probleme und Erfolge besprochen. Dadurch werden individuelle Erfahrungen verallgemeinert und für alle Schüler nutzbar gemacht. In Projekten werden Fotoausstellungen über die einzelnen Praktikumsbetriebe organisiert oder es werden Praktikumszeitungen geschrieben.
Nicht zuletzt bilden das Jahrespraktikum und seine Reflexion im Unterricht die Grundlage für aussagekräftige Bewerbungsschreiben. Aufgrund der unterschiedlichen angestrebten Berufe und des unterschiedlichen Lernbedarfs der einzelnen Schüler erfolgt eine sehr starke Individualisierung des Unterricht. Hierbei hat sich Wochenplanarbeit als effektives Mittel zur inneren Differenzierung erwiesen.

Ergebnisse

Der Versuch "Jahrespraktikum" kann nach nun mehr über einem Jahrzehnt Laufzeit uneingeschränkt als Erfolg bezeichnet werden. Indizien des Erfolgs sind

1. eine höhere Quote an Ausbildungsverträgen

Im Durchschnitt der Schuljahre 94/95 bis 97/98 begannen 74% der entlassenen Schüler direkt im Anschluss an die Schule eine Berufsausbildung.

2. eine geringere Zahl der Ausbildungsabbrecher

Bei den bisher entlassenen Jahrespraktikanten liegt die Abbrecherquote bei 26% gegenüber einer allgemeinen Abbrecherquote von 43 %.

3. ein Anstieg der erfolgreichen Ausbildungsabschlüsse

Vom ersten Entlassungsjahrgang haben alle zur Gesellen- oder Gehilfenprüfung angetretenen Schüler ihre Prüfungen erfolgreich abgelegt.

 

Bewertung

Offensichtlich bewirkt das Jahrespraktikum eine höhere Qualifikation der Schüler und ist somit ein Beitrag zur Behebung der viel beklagten Bildungsmisere. Das Jahrespraktikum erhöht aber nicht nur das Bildungsniveau der Schüler. Es hilft der Schule insgesamt: Es öffnet die Schule gegenüber außerschulischen Partnern und bezieht diese in die Bildungsarbeit mit ein.
Das Jahrespraktikum ist an unserer Schule inzwischen institutionalsiert worden und wird dort vom gesamten Kollegium getragen. Es ist nicht vom Engagement eines speziellen Kollegen abhängig. Das bedeutet, dass das Jahrespraktikum auf andere Schulen übertragbar ist und durchaus als Modell bezeichnet werden kann.

Vorbereitung in Klasse 9

Da das Praktikum in der dritten Schulwoche des zehnten Schuljahres mit einem zweiwöchigen Blockpraktikum beginnt, ist es notwendig, das Projekt "Jahrespraktikum" bereits im zweiten Halbjahr der Klasse 9 zu starten.
Als erster Schritt wird von der Jahrgangskonferenz der neunten Schuljahre zum Halbjahrswechsel weitgehend verbindlich entschieden, welche Schüler am Ende des neunten Schuljahres die Qualifikation für die Klasse 10B erhalten.
Im weiteren Verlauf des neunten Schuljahres wird bei den zukünftigen Schülern der Klasse 10A die Berufswahlentscheidung herbeigeführt. Es muss den Schülern klar sein, dass sie das Jahrespraktikum in ihren Wunschberuf und unter Umständen sogar in ihrem zukünftigen Ausbildungsbetrieb absolvieren.
Entsprechend der Zielsetzung des Jahrespraktikums (Förderung der Selbständigkeit, des Selbstvertrauens, etc.) muss sich jeder Schüler im Anschluss an seine Berufswahlentscheidung seinen Praktikumsbetrieb selber suchen. Diese Stellensuche wird unterrichtlich durch ein Gesprächs- und Vorstellungstraining unterstützt.
Als vierter vorbereitender Schritt stellt der zukünftige Klassenlehrer der Klasse 10A in den von den Schülern gefundenen Praktikumsbetrieben die Zielsetzung und den Ablauf des Jahrespraktikums dar und holt das Einverständnis der Betriebe zur Teilnahme an dieser Form des Schülerpraktikums ein.

Ablauf in Klasse 10

Nach den Sommerferien beginnt das Jahrespraktikum mit einem zweiwöchigen Blockpraktikum. In dieser Zeit werden die Schüler von den Betrieben eingearbeitet. Ab der fünften Schulwoche gehen die Schüler einen Tag pro Woche in ihren Praktikumsbetrieb.
Während des Zwei-Wochen-Blocks werden die Praktikanten zweimal vom Klassenlehrer besucht. Die anschließenden Besuche erfolgen in einem Sechs-Wochen-Rhythmus. Geführte Gespräche drehen sich bei diesen Besuchen in erster Linie um die Entwicklung des Schülers, die Einschätzung seiner Eignung für den Beruf und eventuell vorhandene Defizite, die es aufzuarbeiten gilt.
Als weitere Mittel für den Informationsaustausch zwischen Betrieb und Schule dient ein Beurteilungsbogen, der alle acht Wochen vom Praktikumsbetrieb ausgefüllt wird und eine Anwesenheitskarte, in der jeder Praktikumstag eingetragen wird.

Phasen im Schülerverhalten

Im Verhalten der Schüler lassen sich vier Phasen des Praktikums erkennen. Sie sind abhängig vom Grad der Gewöhnung an das Praktikum seitens der Schüler und seitens der Betriebe, vom Grad der fachlichen Fähigkeiten der Schüler und vom Stand der Bemühungen um den Abschluss eines Ausbildungsvertrages mit dem Praktikumsbetrieb.
In der ersten Phase, der Eingewöhnung, sind die Schüler hochmotiviert und die Erwartungen der Betriebe den Schülern sind relativ niedrig. In dieser Phase des Praktikums treten kaum Probleme auf.
In der zweiten Phase wird das Praktikum zur Normalität. Die Motivation der Schüler lässt nach, gleichzeitig steigt aber auch das Anspruchsniveau seitens der Betreibe. Einige Schüler empfinden den normalen Umgang als unfreundlich und die normalen Anforderungen als Überforderung. Ihre Reaktion darauf reicht von partiellem Fluchtverhalten bis hin zu totaler Verweigerung.
In der dritten Phase erkennen einige Schüler ihr gewachsenes Leistungsvermögen. Manche dieser Schüler beklagen sich darüber, dass sie jede Woche arbeiten, aber nicht entlohnt werden. Diese Schüler erkennen, dass sie sinnvolle Tätigkeiten ausüben und damit zum wirtschaftlichen Erfolg ihres Praktikumsbetriebs betragen.
In der vierten Phase vollzieht sich bei den Schülern, die keinen Ausbildungsvertrag in ihrem Praktikumsbetrieb erhalten, eine berufliche Umorientierung. Durch ihre bisherigen Praktikantentätigkeit haben die Schüler eine realistischere Selbsteinschätzung gewonnen, was dazu führt, dass sie sich nun mehr für weniger anspruchsvolle Berufe entscheiden.